Paupys: Wo die Industriegeschichte von Vilnius zum neuesten Stadtviertel wurde
Die Vilnelė schlängelt sich zwischen der Altstadt von Vilnius und der Republik Užupis. Genau hier, in einer Flussbiegung, ist Paupys im letzten Jahrzehnt gewachsen und zu einem der bekanntesten Projekte zur Umwandlung verlassener Stadtgebiete im Baltikum geworden. Noch vor zehn Jahren war diese Halbinsel leer, kalt und verfallen: fensterlose Lagerhallen, Fabrikgebäude mit fehlenden Dachteilen und von Unkraut überwucherte Innenhöfe. Heute ist es ein Viertel mit eigenem Markt, Kunstgalerie, Kino und Dutzenden Restaurants, in dem sich Einheimische und Besucher zum Mittagessen treffen, so selbstverständlich wie einst in der Altstadt.
Paplauja: Jahrhunderte der Industriegeschichte
Vom 16. Jahrhundert bis 1939 hieß dieses Gebiet Paplauja, ein Name, der von einem belarussischen Wort für „Überschwemmungswiese" abgeleitet ist. Vor zweihundert Jahren erinnerte das Gebiet eher an Venedig als an Vilnius. Ein System aus Kanälen, Dämmen, Mühlen und Inseln erstreckte sich hier, und Wasserkraft trieb Räder an, die Getreide, Grütze, Bestandteile für Schießpulver und sogar Lumpen für die Papierherstellung mahlten. In den 1870er Jahren gründeten die Brüder Efraimas und Dovydas Lipskiai in der Paupio Straße eine Bier- und Spirituosenbrennerei, die über fünf Jahrzehnte in Betrieb war. Daneben legten sie einen Schweizer Garten mit Sommertheater an, wo die Bewohner von Vilnius ihre Freizeit verbrachten. In der Nähe war die Papierfabrik der Tyzenhauzai in Betrieb, angetrieben von Quellwasser des Subačiaus Hügels, dazu Schlosserwerkstätten und die Leder- und Pelzfabrik von Samuelis Holšteinas, die in der Sowjetzeit in „Jonas Vitas" umbenannt wurde und bis zum Ende der Besatzung betrieben wurde. Während der Zwischenkriegszeit befanden sich in der Nähe des Tymo Marktes einige der billigsten Bordelle der Stadt, was diesem Viertel den Ruf eines Rotlichtviertels einbrachte.
Krieg, Sowjetzeit und ein stiller Niedergang
Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit veränderten die Landschaft unwiderruflich. Kanäle wurden zugeschüttet, Inseln verschwanden, und das Tymo Viertel wurde abgerissen, an seiner Stelle entstand eine Straße zur Subačiaus Straße. Während der Sowjetzeit wurde das Gebiet rein industriell genutzt. Nach dem Krieg entstand hier eine Fabrik für elektrische Messgeräte, später „Skaiteku" genannt, einer der größten Hersteller solcher Waren in der gesamten Sowjetunion. In der Nähe war eine Textilspinnerei und Weberei tätig. Die Fabrik „Skaiteko", die etwa sechs Jahrzehnte in Betrieb war, schloss ihre Türen erst 2008 bis 2009. Danach standen die meisten Gebäude leer: kalt, feucht und ohne jeden gewerblichen Zweck.
Darnu Group und die Wiedergeburt von Paupys
Ein neues Kapitel begann etwa 2015, als der Immobilienentwickler Darnu Group eines der größten Projekte zur Umwandlung verlassener Stadtgebiete in Litauen startete, eingebunden in die Initiative „Architekturpark" der Stadtverwaltung Vilnius. Auf einer Fläche von mehr als 7 Hektar entlang der Vilnelė sind 824 Wohnungen und rund 21.000 Quadratmeter Gewerbefläche geplant. Die Gesamtinvestition in das Viertel übersteigt bereits 150 Millionen Euro. Das Projekt wird in Etappen entwickelt, und Darnu Group hat kürzlich den Kauf neuer Grundstücke für die weitere Erweiterung angekündigt. Paupys bleibt somit eine lebendige Baustelle, kein fertiges und statisches Bild.
Paupio turgus: Das gastronomische Herz des Viertels
Das bekannteste Symbol des neuen Paupys ist Paupio turgus, das am 6. Mai 2021 in der Aukštaičių g. 7 eröffnet wurde. Der fast 2.000 Quadratmeter große Raum unter einem Glasdach wurde vom Architekten Audrius Ambrasas mit dem Studio „Plazma" entworfen. Allein für Innenausstattung und Lichtlösungen wurden rund 2 Millionen Euro investiert. Im Inneren befindet sich ein Wintergarten mit 1.300 Pflanzen, und eine Wand ziert ein monumentales Fresko des Künstlers Jurgis Tarabilda. Der Markt bietet 300 Sitzplätze im Innenbereich und weitere 150 auf der Außenterrasse. Unterirdisch gibt es 200 Parkplätze. Die ersten zwei Stunden sind bei Anmeldung kostenlos, jede weitere Stunde kostet 2 Euro, und das Parkhaus ist rund um die Uhr geöffnet. Der Markt hat täglich geöffnet: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Sonntag von 11:00 bis 21:00 Uhr, Freitag und Samstag von 11:00 bis 22:00 Uhr.
Was man unter einem Dach essen kann
Unter dem Dach des Marktes gibt es 16 Restaurants, 3 Bars und 5 spezialisierte Feinkostläden. Die alte Formulierung „mehr als 20 Restaurants" erweist sich als zutreffend, auch wenn bisher niemand sich die Mühe gemacht hat, sie beim Namen zu nennen. Chačapuri Bistro bietet georgische Küche. Khachapuri kostet etwa 7,80 bis 7,90 Euro, ein Mittagsmenü etwa 10 bis 15 Euro pro Person. Burna House serviert moderne litauische Küche. Frühstücks- und Brunchgerichte kosten zwischen 4,90 und 8,40 Euro, am Wochenende wird Eggs Benedict angeboten. Italienische Küche vertritt im Markt Mamma Rosa. Japanische Küche bieten Samurai Ramen und Wasabi Sushi. Spanische Küche findet man bei La Paella. Portugiesisches und afrikanisches Hähnchen bereitet Peri Peri zu. Litauische Pfannkuchen macht Bebro blyninė. Druska Miltai Vanduo bietet Brot und Frühstück. Meatbusters richtet sich an Burger-Liebhaber, und Peas and Love, eine Salatbar, eignet sich für alle, die gesunde Optionen suchen. Für Fisch und Meeresfrüchte lohnt sich Ryk Lys. Für mexikanische und lateinamerikanische Aromen geht man zu Padre Duos Pipirų. Für Kebabs und Wraps probiert man Wraperia Suppa Kebs. Für asiatischen Wok gibt es Wok Out. Für Yakitori Grill besucht man Yakitori Grill Boutique.
Wann man kommen sollte, um Warteschlangen zu vermeiden
Paupio turgus funktioniert nach der Logik eines Food Centers, nicht wie ein klassisches Restaurant. An den meisten Ständen gibt es keine Warteschlangen. Bestellt wird direkt am Tresen, einen Tisch muss man selbst finden. An Samstagen und Sonntagen zur Mittagszeit, besonders zwischen 12:00 und 15:00 Uhr, kann es dauern, bis man einen freien Tisch findet, da Einheimische sowohl Kinder als auch Großeltern mitbringen. Am ruhigsten ist es an Wochentagen morgens und am frühen Nachmittag, bis 17:00 Uhr. Die meisten Stände akzeptieren sowohl Bargeld als auch Karten. Reservierungen sind jedoch nur bei wenigen Restaurants möglich, darunter Burna House für den Wochenendbrunch. Wer also zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten Tisch möchte, sollte vorher anrufen.
Restaurants und Bars jenseits der Markthallen
Die Gastronomie von Paupys endet nicht an den Türen des Marktes. In der Nähe befinden sich das italienische Restaurant Piano Piano, das Restaurant Formosa und die Bierbar Lipskio alinė. Ihr Name ist eine direkte Hommage an die Lipskiai Brauerei aus dem 19. Jahrhundert, die vor anderthalb Jahrhunderten fast an derselben Stelle stand. Dies ist eines der wenigen Beispiele in Vilnius, bei denen ein neues Unternehmen bewusst auf die Geschichte seines Standorts verweist, statt einfach auf einem leeren Grundstück zu bauen.
Kunst, Kino und Freizeit
Im Freien, zwischen den Wohngebäuden, befindet sich die kostenlose Open-Air-Kunstgalerie Paupys mit Skulpturen und Installationen. Dazu gehören ein Werk des Bildhauers Donatas Jankauskas-Duonis und eine Lichtinstallation aus Findlingen von Linas Kutavičius. Das Galerieprojekt wurde vom Bauträger des Viertels, Darnu Group, mit 300.000 Euro finanziert. Im Viertel gibt es außerdem das Kino Pasaka und den Sportklub Re-Formatas. Entlang der Vilnelė wurde eine Fußgängerpromenade mit neuen Brücken gebaut, die direkt zur Republik Užupis führt. Das bedeutet, es sind nur wenige Minuten Fußweg vom Markt zu den Kunsträumen von Užupis.
Praktische Informationen
Lage: Paupys erstreckt sich entlang der Vilnelė, zwischen der Altstadt von Vilnius und der Republik Užupis. Die Hauptstraße ist die Aukštaičių g.
Anreise: Am bequemsten zu Fuß. Vom Rathausplatz bis zum Paupio turgus sind es 5 bis 10 Minuten.
Was zu tun ist: Besuchen Sie den Paupio turgus, spazieren Sie entlang der renovierten Uferpromenade der Vilnelė, sehen Sie sich die Skulpturen der Kunstgalerie an und überqueren Sie die neuen Brücken nach Užupis.
Auf der Suche nach einer Unterkunft in der Nähe? Unser Ratgeber zum Übernachten in Vilnius deckt auch das Paupys Viertel ab, und der Eintrag zum Paupio Turgus hält die aktuelle Restaurantliste und Bewertungen auf dem neuesten Stand.



